‘Meine erste Begegnung mit Foie Gras verfolgt mich noch immer’
Sophie Lemcke
März 22, 2022
Aktualisiert: April 16, 2024
In unseren vergangenen Beiträgen auf diesem Blog haben wir ein umfassendes Bild des ‘Luxuslebensmittels’ Foie Gras gezeichnet. Dafür haben wir die Stopfleberproduktion unter verschiedenen Aspekten betrachtet. Wir haben die Europäische Gesetzgebung und aktuelle Entwicklungen im EU-Parlament diskutiert und zu diesem Anlass auch grundsätzlich erklärt, wie wir politische und rechtliche Kampagnenarbeit betreiben und was für eine Strategie wir dabei verfolgen. Wir haben erklärt, warum überhaupt noch Stopfleber produziert wird und wie die Stopfleberindustrie Verbraucher*innen belügt. Außerdem haben wir eine tiermedizinische Perspektive auf die Zwangsfütterung präsentiert. Wir haben auch über unsere Erfolge im Kampf gegen die Stopfleberproduktion gesprochen, die wir vor allem durch unsere Undercover-Recherchen erreicht haben. Und wir haben vor allem erklärt, wie unsere Kampagne zu dem Ziel führen soll, die Zwangsfütterung in der EU zu beenden.
In diesem Beitrag lassen wir unseren Internationalen Direktor für Undercover-Ermittlungen Sean Thomas zu Wort kommen. Er hat vor 25 Jahren zum ersten Mal auf einem Stopfleberbetrieb ermittelt. Hier berichtet er von dieser Erfahrung:
Bevor ich von meiner Erfahrung auf einem Stopfleberbetrieb berichte, möchte ich mich kurz vorstellen: Ich bin Sean Thomas, der internationale Direktor für Undercover-Ermittlungen bei Animal Equality. Ich habe selbst als Ermittler Jahre damit verbracht, einige der schlimmsten Grausamkeiten zu dokumentieren, die von der landwirtschaftlichen Tierhaltungsindustrie praktiziert werden.
Ich habe in Tierhaltungsbetrieben gestanden, im Dunkeln, und die Luft eingeatmet, die so voller Ammoniak war, dass einem schlecht wurde. Ich habe gesehen, wie Mütter von ihren Babys getrennt wurden. Und ich habe die Tiere um Hilfe schreien hören und ihre Verzweiflung miterlebt, wenn keine Hilfe kommt. Die Undercover-Ermittlung ist eine schwierige Aufgabe und nur wenige Menschen wollen sie annehmen. Und ja, ich finde es auch manchmal unerträglich, Zeuge dieser Zustände zu werden. Aber meine Erfahrungen sind nichts im Vergleich zu dem Leiden der Tiere.
Tierschutz findet mittlerweile in der Öffentlichkeit mehr Beachtung denn je. Und auch immer mehr Firmen und Konzerne ändern ihre Unternehmenspolitik. Wir als Ermittler*innen müssen uns weiterhin dafür einsetzen, die Zustände in der landwirtschaftlichen Tierhaltung überall aufzudecken und der Allgemeinheit einen transparenten Einblick in die landwirtschaftliche Tierhaltung zu geben. Einen Einblick, den die Fleischindustrie vor den Menschen verstecken will.
Deshalb bin ich heute hier, um von meiner ersten Erfahrung auf einer Stopfleberfarm zu erzählen. Und vor allem, warum sie mir auch 25 Jahre später noch so lebhaft in Erinnerung geblieben ist.
Stopfleber wird von manchen Menschen als „Luxusgut” gesehen. Eine seltene und teure Delikatesse. Doch sie ist nicht einfach nur ein Luxuslebensmittel, ganz im Gegenteil: Die in der Stopfleberproduktion angewendete Zwangsfütterung gehört zu den grausamsten heute noch genutzten Methoden der Fleischindustrie.
Während meiner verdeckten Ermittlungen bewarb ich mich auf eine Stelle in einer großen Stopfleberfarm in den USA. Der Betriebsleiter führte mich durch den Betrieb. Überall waren Enten, Hunderte, in kleine Ställe gepfercht. Sie waren mit nassem, gelbem Getreidebrei verschmiert, den sie nach ihrer Zwangsfütterung auf sich erbrochen hatten. Ich habe sofort gesehen, dass viele der Enten durch den Einsatz der langen Metallröhren verletzt waren. Einige hatten sogar gebrochene Schnäbel und Schwellungen, die ihre Kehle verstopften.
Nachdem der Betriebsleiter mir gezeigt hatte, wo und wie die Vögel gehalten werden, gingen wir in den Schlachtbereich. Die Enten wurden in großen Kisten hergebracht, viele von ihnen schnappten dabei nach Luft, andere waren still und ließen schweigend ihre Hälse hängen. Sie schienen sich ihres Schicksals bewusst. Die Enten wurden bei vollem Bewusstsein an ihren zusammengebundenen Füßen aufgehängt. Dann wurden ihre Kehlen aufgeschlitzt. Der Betriebsleiter erzählte mir, dass es 17 Minuten dauert, bis das Blut vollständig aus dem Körper abgeflossen ist. Während der Betriebsleiter mir das erklärte, wurde ein weiterer Vogel aufgehängt und geschlachtet, während ich die anderen im Hintergrund hören und sehen konnte. Es ist genau dieses Bild, das mich immer noch verfolgt.
Die Stopfleberindustrie bemüht sich nach wie vor, eine große Unbekannte zu sein, über die viele Menschen nichts wissen. Denn obwohl Stopfleberprodukte hauptsächlich für wohlhabende Menschen hergestellt werden, profitiert die Fleischindustrie stark von ihrer Produktion und Vermarktung – es werden weltweit über 20.000 Tonnen pro Jahr produziert, die in Europa zu einem Kilopreis von etwa 100 Euro verkauft werden können.
Doch wir wehren uns entschieden gegen die Täuschungsmanöver der Stopfleberindustrie! Die Unterstützung unserer großzügigen Spender*innen ermöglicht es unserem Recherche-Team, weiterhin verdeckt zu arbeiten und so die Transparenz herzustellen, mit der wir die Fleischindustrie zur Rechenschaft ziehen können. Unsere Ermittlungen sind von besonderer Bedeutung für die Aufklärung der Öffentlichkeit. Nur sokönnen wires schaffen, die Zwangsfütterung endgültig abzuschaffen.
Ich möchte ehrlich sein: Unsere Arbeit und unser Einsatz für die Tiere ist ohne die großzügigen Spenden unserer engagierten Unterstützer*innen nicht möglich. Du trägst maßgeblich zu unseren Erfolgen für die Tiere bei. Und dafür sind wir über alle Maße dankbar.
Wir können eine der grausamsten Methoden in der Lebensmittelproduktion nicht länger ignorieren und zulassen, dass sie ungehindert fortgesetzt wird. Wir sind es den Tieren schuldig, die heutzutage zur Stopfleberproduktion eingesperrt sind und zwangsgefüttert werden.
Ich danke jedem einzelnen Menschen, der sich die Zeit nimmt, meine Geschichte zu lesen. Die Rettung der Leben dieser Tiere, aber auch das Mitgefühl und die Unterstützung unserer Verbündeten treiben mich in meiner Arbeit als Ermittler jeden Tag weiter voran.
In Solidarität Sean
Du kannst unsere wichtige Arbeit für die Tiere auch unterstützen, indem du ein Fördermitglied wirst und uns eine monatliche Spende zukommen lässt. Wenn du die Arbeit von Animal Equality unterstützt, kannst du sicher sein, dass wir deine Spende so wirkungsorientiert wie nur möglich einsetzen wird.
Die Unterzeichnenden dieser Petition fordern eine Verpflichtung zur Beendigung der Produktion von Stopfleber durch Zwangsfütterung in der EU.
An: Silvia Breher (Bundesbeauftragte für Tierschutz und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat), Alois Rainer (Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat), Martina Englhardt-Kopf (Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat
Zur Kenntnisnahme an: Bundeskanzler Friedrich Merz
Sehr geehrte Bundesbeauftragte Silvia Breher, sehr geehrter Herr Bundesminister Alois Rainer, sehr geehrte Parlamentarische Staatssekretärin Martina Englhardt-Kopf,
wir, die Unterzeichnenden, schließen uns Animal Equality an und fordern ein starkes Engagement der deutschen Regierung, sich für ein EU-weites Verbot der Zwangsfütterung bei der Stopfleberproduktion einzusetzen.
Stopfleber, die durch Zwangsfütterung hergestellt wird, ist äußerst grausam und verursacht jedes Jahr unvorstellbares Leid für Millionen von Vögeln auf der ganzen Welt. Bei der Zwangsfütterung – auch Stopfmast genannt – wird den verängstigten Enten und Gänsen ein 20 bis 30 cm langes Metallrohr in die Kehle geschoben, damit sie deutlich größere Mengen an Futter aufnehmen, als sie jemals freiwillig zu sich nehmen würden.
Es gibt eine Fülle wissenschaftlicher Belege dafür, dass die Stopfleberproduktion durch Zwangsfütterung den betroffenen Tieren nicht nur ausschließlich beim Einführen des Rohres in den Hals, sondern auch zu anderen Zeiten ihres kurzen Lebens schwere physische und psychische Schmerzen verursacht. Der Produktionsprozess führt dazu, dass die Leber der Tiere auf das Zehnfache ihrer natürlichen Größe anschwillt, woraufhin die kranke Leber als vermeintliche Delikatesse verkauft und vermarktet wird.
Wie Sie zweifellos wissen und auch in einem Schreiben des BMEL vom 21. Dezember 2021 deutlich wurde, ist das Verfahren der Stopfmast unvereinbar mit den Bestimmungen des Tierschutzgesetzes (vgl. TierSchG, § 3 Abs. 9) sowie der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (vgl. TierSchNutztV, § 4 Abs. 4). Die inländischen Rechtsvorschriften besagen Folgendes:
„Es ist verboten, einem Tier durch Anwendung von Zwang Futter einzuverleiben, sofern dies nicht aus gesundheitlichen Gründen erforderlich ist“ (vgl. TierSchG, § 3 Abs. 9).
Und:
„Wer Nutztiere hält, hat vorbehaltlich der Vorschriften der Abschnitte 2 bis 6 sicherzustellen, dass alle Tiere täglich entsprechend ihrem Bedarf mit Futter und Wasser in ausreichender Menge und Qualität versorgt sind“ (vgl. TierSchNutztV, § 4 Abs. 4).
Trotzdem importierte Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes allein im Jahr 2020 rund 51,5 Tonnen dieses grausamen Produkts im Gesamtwert von 1,775 Mio. EUR, von dem viele Einzelhändler*innen und Feinkostgeschäfte profitieren.
Wir – die Unterzeichnenden – fragen uns, wie die deutsche Regierung es mit der Ethik der Öffentlichkeit vereinbaren kann, durch den Import von durch Zwangsfütterung erzeugten Produkte von einigen wenigen Erzeuger*innen aus anderen EU-Mitgliedstaaten eine Praxis mitzufinanzieren, die aufgrund ihrer grausamen Auswirkungen auf die Tiere in Deutschland zu Recht bereits verboten ist.
Deutschland ist ein Schwergewicht in der EU und sollte seinen Einfluss zum Wohle der Tiere und im Interesse der EU-Bürger*innen nutzen. Die EU-weite Beendigung einer Praxis, die gegen die Rechtsvorschriften von Deutschland und weiteren 21 der 27 EU-Mitgliedstaaten verstößt und weltweit das Image von EU-Produkten als tierfreundlich untergräbt, würde die Leben von Millionen von Enten und Gänsen jährlich verbessern.
Wir fordern die deutsche Regierung auf, auf EU-Ebene zu intervenieren, sodass
das in der EU-Verordnung (EG) Nr. 543/2008 enthaltene Erfordernis eines Mindestlebergewichts von 300 g bei Entenlebern und 400 g bei Gänselebern gestrichen und durch Höchstlebergewichte ersetzt wird, um eine tierfreundlichere Produktion zu ermöglichen. Dies würde zudem die Benachteiligung von Landwirt*innen in Ländern mit strengeren Tierschutzvorschriften beenden, die aufgrund dieser Regelung keine Stopfleber produzieren können;
die Bundesregierung sich im Rahmen der laufenden Überarbeitung der EU-Tierschutzvorschriften für die vollständige Umsetzung von Anhang I Nummer 14 der Richtlinie 58/98/EG einsetzt, indem sie fordert, dass ein EU-weites Verbot der Zwangsfütterung eingeführt wird, wie es auch das Europäische Parlament kürzlich bei der Abstimmung über den Bericht „End the Cage“ erneut gefordert hat;
das Verbot der Zwangsfütterung in die Farm2Fork-Strategie aufgenommen wird.
Zu diesem Zweck fordern wir die deutsche Regierung auf, die Zusammenarbeit mit den anderen EU-Mitgliedstaaten zu ersuchen, um die Unterstützung für die Abschaffung des Mindestlebergewichts oder der Zwangsfütterung insgesamt zu erhöhen, und somit das Thema auf die europäische Ebene zu bringen, wo es keine Hindernisse gibt, um die nötigen Fortschritte zu erzielen.
Die deutsche Öffentlichkeit erwartet von Ihnen, dass Sie etwas unternehmen und diese Gelegenheit nutzen, um sich für Enten und Gänse einzusetzen. Wir sehen Ihrer Antwort mit Interesse entgegen.
Animal Equality Germany
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