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Interview mit einem Ermittler in der Stopfleberindustrie


Ein Grundpfeiler unserer Arbeit stellt die Dokumentation der Zustände in der landwirtschaftlichen Tierhaltungsindustrie dar. Dazu führen wir Undercover-Recherchen durch, um diese Zustände in der Landwirtschaft öffentlich zu machen. Menschen können nur fundierte Konsumentscheidungen treffen, wenn sie über ausreichende Informationen verfügen. Die Tierhaltungsindustrie versucht, die Lebensrealität der Tiere mit aufwendigen Täuschungen zu verdecken: besonders in der Werbung wird sie nicht müde, Bilder glücklicher Tiere zu zeigen.

Diese Bilder ersetzen wir mit der Realität, ohne zu beschönigen – aber auch, ohne zu übertreiben. Diese Aufnahmen veröffentlichen wir nie leichtfertig und nie ohne vorherige Prüfung. Das könnten wir uns als professionelle, gemeinnützige Organisation auch gar nicht erlauben. Wir sind sehr stolz auf unsere Reputation für ehrliche und gründliche Recherche-Arbeit. Aber wie führen wir solche Ermittlungen eigentlich durch?

Immer wieder bekommen wir von unseren Unterstützer*innen Fragen zu dieser Arbeit, weil sie gleichzeitig eine essenzielle Bedeutung für die Tiere hat und andererseits so schwer vorstellbar ist. In diesem Blogpost wollen wir ein wenig mehr darüber berichten. Deshalb hat Sophie sich mit einem unserer Undercover-Ermittler getroffen, der 2012 die Zustände in Stopfleberbetrieben in Spanien dokumentiert hat. Die Stopfleberproduktion mittels Zwangsfütterung ist eine der brutalsten Praktiken in der landwirtschaftlichen Tierhaltung. Lies weiter, wenn du erfahren möchtest, wie die Arbeit unserer Ermittler*innen abläuft.

Sophie: Wie seid ihr zu den Tierhaltungsbetrieben gereist und wie war die Fahrt? Seid ihr mit dem Auto gefahren? Bist du selbst gefahren?

Ermittler: Die Ermittlungen fanden hauptsächlich in Nordspanien statt, wo die Stopfleberindustrie stark vertreten ist. Es gibt dort viele Entenhaltungsbetriebe. Damals habe ich in Barcelona gelebt, wo ich sowohl gearbeitet als auch studiert habe. Wir haben einen sehr detaillierten Plan erstellt, um mit dem kleinen Team, in dem ich damals gearbeitet habe, mit dem Auto zu den verschiedenen Orten zu fahren. Aufgrund der Umstände und der Erwartungen, die wir hatten, war es eine anstrengende Reise, aber wir konnten sie gut bewältigen.

Sophie: Wie war das mit den Tagen zwischen den Betrieben? Wart ihr auf vielen Betrieben hintereinander? Wenn ja, wo habt ihr dazwischen übernachtet? 

Ermittler: Wir haben versucht, die Reise so zu organisieren, dass sie sowohl zeitlich effizient als auch finanziell tragbar war. Eine der größten Herausforderungen, mit denen die meisten Tierrechtsorganisationen konfrontiert sind, ist der Mangel an Ressourcen, sodass wir die Reise an einige sehr spezifische Budgetanforderungen anpassen mussten. Daher mussten wir die Besuche der Betriebe und die Feldarbeit so planen, dass wir einen Betrieb nach dem anderen besuchen und so viel Zeit und Ressourcen wie möglich einsparen konnten. Das ist einer der Gründe, warum es so wichtig ist, Organisationen, die sich für die Tiere einsetzen, finanziell zu unterstützen – normalerweise ist das Budget sehr knapp bemessen. Es ist unglaublich zu sehen, was die Aktivist*innen mit diesen sehr begrenzten Mitteln erreichen können. Auch wenn wir versucht haben, die Besuche so gut wie möglich zu organisieren, mussten wir unterwegs übernachten, normalerweise in bei Verbündeten, die uns aus Solidarität und Unterstützung bei ihnen schlafen lassen haben. Manchmal mussten wir aber auch in günstigen Gästehäusern oder Airbnbs übernachtet.

Sophie: Wie war diese ganze Erfahrung? Wie hast du dich darauf vorbereitet, den Stopfleberbetrieb zu betreten, wenn du wusstest, was dich dort erwarten würde?

Ermittler: Solche Erfahrungen sind nie angenehm oder erfreulich, aber die Entschlossenheit, eine ganz bestimmte und notwendige Aufgabe zu haben, führt dich und leitet deine Bemühungen. Es gibt kein wirkliches Geheimnis oder eine mögliche Vorbereitung für den Besuch solcher Orte. Ich persönlich war immer in der Lage, diesen Erfahrungen mit einer ganz bestimmten Stimmung zu begegnen und mit meinen eigenen Emotionen so umzugehen, dass ich mich ganz auf die dokumentarische Aufgabe konzentrieren konnte. Aber jeder Mensch geht anders damit um. Deshalb ist die Arbeit als Dokumentarfilmer*in und Ermittler*in nicht für jede*n geeignet, sondern nur für ganz bestimmte Persönlichkeitstypen. Man muss in der Lage sein, mit seinen Emotionen so umzugehen, dass man sich auf die Dreharbeiten, die Aufnahmen, die Interviews oder andere Aufgaben konzentrieren kann, ohne von Emotionen beeinträchtigt zu werden. Ich war immer sehr gut darin, mich auf diese Arbeit, auf die mir zugewiesene Aufgabe zu konzentrieren. Damals war ich noch nicht einmal ein professioneller Fotograf – das wurde ich erst viel später, da ich heute hauptberuflich als Fotojournalist für internationale Medien arbeite. Es gab also für mich auch einen wichtigen Lern- und Anpassungsprozess auf vielen Ebenen, einschließlich des emotionalen Managements. Nach meiner persönlichen Erfahrung von damals bis heute, wenn mich meine Aufträge an komplizierte Orte führen, kommen die emotionalen Kosten erst später, wenn ich die Kameras weglege und nach Hause gehe. Das ist der Moment, an dem ich mich meinen Erfahrungen und Erlebnissen im Rahmen meiner emotionalen Wahrnehmung tatsächlich stellen muss.

Sophie: Kannst du den ersten Stopfleberbetrieb beschreiben, den du betreten hast? Was hast du gesehen, gehört und gerochen? Gibt es irgendwelche Details oder Erinnerungen, die dir in den Sinn kommen, wenn du jetzt daran denkst?

Ermittler: Ich hatte schon viele landwirtschaftliche Tierhaltungsbetriebe besucht, aber es war das erste Mal, dass ich speziell einen Entenhaltungsbetrieb für Stopfleber besucht habe. Was mir am meisten in Erinnerung geblieben ist … wie eindrücklich ich die extrem schwierigen Umstände wahrnehmen konnte, unter denen die Tiere leben, ohne jede Diskussion. Abseits der offensichtlich sehr eindrucksvollen Bilder der Zwangsfütterung selbst müssen die Enten rund um die Uhr Schreckliches erleben. Alle, die schon mal mit Enten zu tun hatten, wissen, dass es sich um sehr ausdrucksstarke Tiere handelt, und diese Ausdruckskraft war für mich ebenfalls sehr beeindruckend. Es gibt so viel Körpersprache, Gesten, Geräusche und Gerüche, die einem sofort eine sehr klare, objektive Vorstellung davon geben, wie schwer das Leben einer Ente in einem dieser Betriebe sein muss.

Sophie: Was geschah während der Recherche (auf irgendeinem der Stopfleberbetriebe, die du besucht hast)? Was hast du beobachtet? Was hast du gedacht, während du diese Beobachtungen gemacht hast? Wie hast du dich dabei gefühlt? Und gibt es irgendwelche Momente, die dir besonders aufgefallen sind?

Ermittler: Wir haben absichtlich eine Reihe von Betrieben besucht, die sehr unterschiedliche Merkmale aufwiesen. Wir wollten ein umfassendes Bild vermitteln, wie die Stopfleberindustrie als Ganze funktioniert – um keinen Raum zu lassen nur über spezifische Praktiken zu sprechen. Die Debatte muss auf einer höheren Ebene stattfinden. In allen diesen Betrieben, unabhängig von ihrer Größe oder ihrer grundsätzlichen Arbeitsweise, fanden wir Tiere, die mit wirklich beunruhigenden, problematischen Praktiken konfrontiert waren und Erfahrungen gemacht haben, die kein Lebewesen machen sollte. Wenn man diese Orte besucht, wird sofort deutlich, dass Veränderung notwendig ist. Manchmal ist es schwierig, mit Worten zu erklären, wie diese Orte aussehen oder wie es sich anfühlt, dort zu sein, weil die Situation auf allen Ebenen sehr überwältigend ist. Wir sahen verstümmelte Tiere oder solche, die mit riesigen, infizierten offenen Wunden in Käfigen leben, in denen sie sich nicht einmal bewegen können. Wir sahen wiederholte Zwangsfütterungen, bei denen einigen Enten sogar die Schnäbel gebrochen wurden, Enten, die das Futter erbrachen und dabei erstickten, weil ihre Körper völlig erschöpft waren, Krankheit, Schmutz und Horror. Unsere Augen waren nach jedem Besuch aufgrund der chemischen Produkte in der Luft und des Mangels an sauberer Luft gereizt. Es gibt in der Tat eine Notwendigkeit der Transformation, die nicht warten kann.

Sophie: Wie denkst du über diese Recherche, wenn du sie jetzt reflektierst? Wie denkst du über den Einfluss, die sie hatten? Und wie sieht es mit den Fortschritten aus, die seither gemacht wurden?

Ermittler: Wenn ich aus einer sehr persönlichen Perspektive auf diese Zeit zurückblicke, wünsche ich mir, dass ich bei diesen Ermittlungen die Erfahrung, das Wissen und die Fähigkeiten gehabt hätte, die ich jetzt habe. Dann wäre ich in der Lage gewesen, mit der Situation viel besser umzugehen und Material auf eine ganz andere Weise zu produzieren. Es war jedoch ein enormer Lernprozess für mich, und ich bin stolz auf das, was wir getan haben und wie wir es getan haben. Und ich bin froh darüber, was wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln erreicht haben. Ich hatte die Gelegenheit, mit hervorragenden Leuten in einem Team zusammenzuarbeiten. Denn ohne die enorme Teamarbeit, die wir da geleistet haben, wäre das Ergebnis nie möglich gewesen. Die Auswirkungen und der Einfluss, den die Recherche hatte, haben definitiv unsere Erwartungen übertroffen. Sie hat sogar zu politischen Veränderungen geführt und eine große Debatte in den Medien eröffnet – nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene. Wie du dir vorstellen kannst, ist das der Grund, warum wir die Recherche überhaupt machen wollten. Deshalb waren wir äußerst zufrieden, dass unsere Bemühungen zu Veränderungen geführt und eine messbare Wirkung erzielt haben. Ich freue mich, dass diese Undercover-Recherche auch heute noch, Jahre nach unserer Arbeit, zur Unterstützung von Kampagnen, als Druckmittel für politische Veränderungen und zur Vermittlung von Respekt für und Gleichberechtigung von Tieren genutzt wird. Denn das bedeutet, dass das, was wir getan haben, nicht nur gut, sondern auch einzigartig war.

Sophie: Was ist die größte Herausforderung bei deiner Arbeit als Ermittler?

Ermittler: Ermittlungen sind eine sehr komplizierte, herausfordernde Aufgabe. Sie sind körperlich anstrengend, emotional erschöpfend, in Hinblick auf die persönliche Sicherheit riskant und bedeuten nicht zuletzt einen enormen Aufwand: Vorbereitung, Analyse und Planung. Ich würde sagen, dass die größte Herausforderung darin besteht, diese sehr anspruchsvolle Aufgabe mit dem eigenen Wohlbefinden und dem Privatleben in Einklang zu bringen. Das richtige Gleichgewicht zwischen diesen beiden Welten zu finden und sie nebeneinander bestehen zu lassen … das kann sehr komplex sein und erfordert sehr erfahrene, entschlossene Menschen.

Sophie: Was würdest du einer Person sagen, die Tieren helfen möchte und nicht weiß, wie?

Ermittler: Ich bin der Meinung, dass sich die Tierschutz- und Tierrechtsbewegung sich seit einiger Zeit sehr dynamisch entwickelt und verändert hat. Der Grund dafür ist Spezialisierung und Professionalisierung. Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass die größten Veränderungen für Tiere in den letzten Jahren auf Basis dieser beiden Aspekte stattgefunden haben. Die transformative Wirkung, die eine Gruppe von organisierten, spezialisierten und professionalisierten Menschen haben kann, ist enorm und kann objektiv gemessen werden. Das erfordert natürlich eine beträchtliche Menge an Ressourcen. Mein Rat, wenn ich gefragt werde, wie man Tieren helfen kann, lautet daher: Hilf, wenn möglich, Organisationen oder Gruppen von Menschen, die deiner Meinung nach gute Arbeit leisten, mit Ressourcen. Spende, biete ihnen Unterstützung und Zeit an, finde einen Weg, ihre Ressourcen mit der Arbeit, die sie leisten, in Einklang zu bringen, damit die Wirkung dieser Arbeit verstärkt werden kann. Zweitens: Suche dir selbst ein Betätigungsfeld und spezialisiere dich. Eigne dir Expertise an, mach dich zum Profi, erweiter dein Wissen und deine Fähigkeiten und stell sie in den Dienst der Tiere. Organisationen im Besonderen und die Bewegung im Allgemeinen haben einen großen Bedarf in den verschiedensten Bereichen. Es besteht Bedarf an Texter*innen, Social-Media-Expert*innen, Redakteur*innen, Videofilmer*innen, Fotograf*innen, Politikberater*innen, Kommunikationsexpert*innen, Designer*innen, Übersetzer*innen, Tierärzt*innen, Künstler*innen, Lobbyist*innen, Marktanalyst*innen oder Abgeordnete in Parlamenten, um nur einige zu nennen. Im wahrsten Sinne des Wortes wird fast alles gebraucht und kann der Arbeit, die einige Organisationen für die Tiere leisten, eine neue Dimension geben. Finde das, was dir Spaß macht, und bewirke damit etwas Neues.

Die Zwangsfütterung in der Stopfleberproduktion muss beendet werden. Die Ergebnisse aus den oben beschriebenen Ermittlungen zeigen das Ausmaß der Gewalt, der die, je nach Schätzung und angenommen Gewicht der vermarkteten Lebern, 10 bis 70 Millionen Enten und Gänse pro Jahr in der Stopfleberindustrie ausgesetzt sind. 90 % der weltweiten Stopfleberproduktion findet in der Europäischen Union statt – und kann damit von uns politisch beeinflusst werden. Wir fordern die Bundesregierung auf, sich auf europäischer Ebene für die Abschaffung der Zwangsfütterung einzusetzen. Unterschreibe bitte, falls du es noch nicht getan hast, unsere laufende Kampagne für ein Ende der Zwangsmast in der EU. 


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