IM GESPRÄCH MIT HILAL SEZGIN: “EIN GUTES TIERLEBEN IST VIEL MEHR, ALS NICHT GEQUÄLT ZU WERDEN”

Journalistin und Philosophin Hilal Sezgin engagiert sich seit Jahren für Tiere und setzte sich in zahlreichen Büchern und Artikeln mit den Rechten von Tieren auseinander. Im Gespräch mit Animal Equality stellt die Autorin ihren neuen Tierrechtsroman Feuerfieber vor und beschreibt, was Freiheit für Tiere heute bedeuten kann. 

Liebe Hilal, wie kam es dazu, dass du dich für die Rechte von Tieren einsetzt?

Ich hatte früh das Verständnis, dass man auch auf Tiere Acht geben muss und hatte Mitleid mit Tieren, denen Unrecht angetan wird. Auch meine beiden Eltern waren sehr tierlieb. Als ich circa zwölf war, wurde ich Vegetarierin und auch meine Eltern haben angefangen, sich vegetarisch zu ernähren. Damals war das irgendwie noch ganz komisch, es gab es recht wenige Vegetarier*innen. 

Später habe ich Philosophie studiert und mich auch mit Tierethik beschäftigt und habe als Journalistin, neben vielen anderen Themen, viel über Tierethik und die Rechte von Tieren geschrieben – ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt.

Ich fand schon immer falsch, dass man die Tiere für ihr Fleisch tötet. Aber dann habe ich erkannt, dass man die Tiere auch für die Erzeugung anderer tierischer Produkte tötet und ihres freien Lebens beraubt. Zuvor hatte ich noch die Produkte von Bio-Höfen gegessen, die ich mir immer total schön vorgestellt habe, so wie in Bilderbüchern. Als ich gesehen habe, wie die Tiere dort gehalten werden, die Kühe beispielsweise und auch die Hennen, bin ich vegan geworden.

Welche Rechte werden Tieren in der industriellen Tierhaltung geraubt?

Ich denke, dass Tiere ganz umfassende Grundrechte haben. Also vor allem, das Recht auf ihr Leben. Sie haben ein Recht auf Leben und sie haben auch ein Recht auf ein freies Leben – auf Freiheit. Damit hat man sich in der Tierethik lange schwer getan und oft begründet: “Tiere müssen frei von Leid sein, man darf ihnen nichts ganz Schlimmes antun.” Aber das reicht überhaupt nicht aus. Denn ein gutes, freies Tierleben besteht nicht nur darin, dass es frei von Grausamkeiten ist, sondern eben auch weiter existieren kann. Tiere hängen auch an ihrem Leben, genau wie wir Menschen. Und Freiheit ist für Tiere auch ein Wert. Tiere wollen Sachen erkunden, sich bewegen, sie wollen etwas erleben – das ist ganz wichtig. Für die Tierethik war es ganz wichtig, vom Fokus der Leidfreiheit wegzukommen und Tiere und ihre Rechte heute viel umfassender zu sehen. Denn ein gutes Tierleben ist viel mehr, als einfach nur nicht gequält zu werden. Sowas wie Freude oder Liebe zu empfinden, Zusammensein mit der Familie oder etwas erleben. 

Tiere haben ein Recht auf Freiheit. Was muss diese Freiheit deiner Meinung nach beinhalten?

Freiheit ist ein unheimlich komplizierter Begriff. Freiheit kann in einer endlichen und durch viele praktische Hindernisse bestimmten Welt nicht bedeuten, dass sie alles tun können, was sie mögen. Oder auch noch gleichzeitig am besten. Man muss sich immer in irgendeiner Weise einschränken oder auf etwas verzichten, um ein anderes Gut zu verwirklichen. Das wissen wir auch als Veganer*innen. Wir leben nicht im Verzicht, sondern entscheiden uns für etwas anderes. Freiheit heisst nicht die volle Palette von allem, sofort und alles auf einmal. 

Zur Freiheit gehört aber, dass man wesentliche Bereiche seines Lebens ausleben und verwirklichen kann, so weit es einem möglich ist. Jemand anderes darf dich also nicht daran hindern. Natürlich ist nicht jedes Leben ständig von Glück und Freude durchzogen, weder bei Menschen, noch bei Tieren. Tiere finden in der Natur zum Beispiel eine zeitlang nichts zu essen, aber man darf sie deswegen nicht hungern lassen. Trotzdem gehört es zu einem guten Tierleben, selber nach Nahrung zu suchen, selbst die Welt erkunden und zu bestreiten. Den Tieren fehlt das auch, sie sind sonst gelangweilt und es ist kein wirkliches Leben, wenn sie nur eingepfercht sind und wie eine Maschine gefüttert werden. 

Tiere sind keine Maschinen, die einfach nur gefüttert werden müssen. Manche argumentieren: “Aber die Tiere haben doch alles, die kriegen doch gutes Essen!” Zum einen stimmt das nicht, denn sie kriegen auch sehr manipulatives Essen. Zum anderen würden wir ja auch nicht den ganzen Tag auf dem Sofa liegen wollen und ständig mit Pizza gefüttert werden wollen, das wäre kein Leben. So ist das für Tiere in Gefangenschaft eben auch kein Leben. Sie haben viel komplexere Gehirne und Neugier und Sinne, die etwas erleben wollen. Und all das gehört zur Freiheit. 

Die meisten Menschen wollen Tierleid nicht unterstützen, tun es jedoch, indem sie tierische Produkte konsumieren…

Verdrängung gehört irgendwie zu jedem Menschenleben dazu, denn wenn wir ständig an all das Leid auf der Welt denken würden, kämen wir ja zu gar keinem Leben mehr. Man muss also grundsätzlich einen Umgang mit einer grundlegenden Gleichzeitigkeit finden: wenn wir zum Beispiel glücklich sind, ist immer gleichzeitig auch irgendwo jemand unglücklich. Man muss sich um die anderen kümmern, aber man darf sich auch nicht vollkommen fertig machen. Es stellt sich also die Frage: Wie sieht ein verantwortlicher Umgang aus?

Es ist etwas Anderes, wenn wir direkt die anderen schädigen. Und so ist es ja bei “Nutztieren”: man gibt  das Geld in diese Industrien, die Tiere quälen und töten. Das ist aber auch bei vielen ganz anderen Industrien so. Menschen finden Kinderarbeit schrecklich, aber unterstützen sie, in dem sie bestimmte Produkte kaufen. Aufgrund der globalen Handlungsketten ist das inzwischen auch nicht mehr so leicht auseinander zu halten. Tierleid zu vermeiden, ist dabei sogar noch relativ einfach: zwar können wir nicht vollkommen vegan leben, weil wir z.B. auf Medikamente angewiesen sind, die an Tieren getestet wurden oder so. Aber man kann eigentlich direkt aufhören, Tiere zu essen. Wenn ich angesichts des Tierleids ungeduldig werde, versuche ich mich daran zu erinnern, wie komplex diese Welt ist und dass Menschen sich überfordert fühlen. 

Gerade wir als Veganer*innen werden häufig wahrgenommen als Moralapostel oder so, das heisst aber auch, dass sich die Leute irgendwie schlecht fühlen und das Unrecht erkennen. Niemand möchte vor anderen schlecht dastehen. Der erste Reflex ist häufig erstmal Abwehr: “Naja, aber ich esse das ja gar nicht” oder “nur ganz selten.” Aber man weiß nie, wie solche Dialoge weiterwirken. Vielleicht tragen sie irgendwann, zusammen mit anderen Argumenten, dazu bei, den Menschen umzustimmen. Fortschritt und Änderung passieren eben häufig nicht geradlinig.

Du betreibst seit einiger Zeit einen eigenen kleinen Lebenshof. Wie bist du eigentlich zu deinen Tieren gekommen?

Ich hatte nicht vor, einen Lebenshof zu gründen. Aber als ich aufs Land gezogen bin, musste jemand die Schafsherde meines Nachbarn übernehmen. Später bin ich noch in einen Stall von Legehennen gestolpert, der gerade geleert worden war. Dort waren 15 “Resthühner” drin und ich wusste, wenn man nichts tut, werden die einfach getötet. Das hab ich nicht übers Herz gebracht.

Welche Rolle spielen Lebenshöfe für die Befreiung von Tieren?

Einige Menschen argumentieren gegen Lebenshöfe: ”Wieso gibt man so viel Geld für einzelne Tiere aus?” Aber ich finde, auf Lebenshöfen wird eine Idee ganz konkret gelebt und gezeigt und zwar, dass jedes Tier ein Individuum ist.  Wir können von den Milliarden von Tieren leider nicht jedes einzelne retten. Und indem wir, in manchmal vielleicht geradezu absurderweise – an diesem Prinzip festhalten, verteidigen wir diese prinzipielle Idee: Jedes Tier hat ein Recht auf Leben. Und es lohnt sich, für jedes einzelne zu kämpfen, weil es das wert ist und jeder das Recht hat, nicht gefoltert und getötet zu werden. Immer wenn man ein Tier rettet und aufnimmt ist es wieder schön, zu merken, was es für einen Unterschied gemacht hat. 

Es ist mir aber auch wichtig zu sagen: Einen Lebenshof zu führen, ist wahnsinnig aufwendig und teuer und es kostet sehr viel Kraft, weil man so viel Sterben und Leiden mitbekommt. Gerade, wenn es sich um viele verschiedene Tierarten handelt. Deswegen kann ich nur empfehlen: wer sich dafür entscheidet, Tiere aufzunehmen und Lebenshof zu gründen, sollte sich auf wenige Arten beschränken. Es ist nämlich schwer genug, ohne Vorwissen herauszufinden, wie jedes Tier versorgt wird und Tierärzt*innen zu finden. Es ist ja nicht so, dass man sie in jede Praxis bringen kann. Gerade bei alten Tieren, meinen Schafen zum Beispiel, häufen sich die schwierigen Situationen und dadurch wird die Pflege auch teurer. Sie haben oft Zahnprobleme, brauchen spezielles Heu etc..

Deine aktuelles Buchprojekt “Feuerfieber” ist dein erster Tierrechtsroman und ermöglicht es Leser*innen auch, dich und deine Tiere direkt zu unterstützen. 

Ich habe mich in den letzten Jahren größtenteils alleine um die Betreuung und Finanzierung der Tiere gekümmert. Doch die Kosten belaufen sich mittlerweile auf eine beachtliche Summe pro Jahr. Im Rahmen eines Crowdfunding-Projekts können Menschen mich bei der Versorgung meiner Herde finanziell unterstützen und erhalten als Dankeschön meinen neuen Roman. Durch einen Teil der Kosten wird der Druck der Bücher gedeckt, der restliche Gewinn geht auf ein spezielles Schafkonto, von dem ich Heu und Tierarztkosten bezahlen kann. 

Was können wir von dem Roman erwarten?

Feuerfieber ist eigentlich ein Roman für Tierrechtler*innen. Ich wollte mal eine Geschichte schreiben, in der unsere Perspektive zur Normalität wird. Wir wollen die Welt verändern und aufrütteln, aber das ist nun einmal nicht so einfach.

Die beiden Hauptfiguren engagieren sich für die Befreiung der Tiere. Sie filmen nachts in Zucht- und Mastbetrieben, um ihre Mitmenschen über die Wahrheit hinter der Industrie aufzuklären; soweit ist also alles recht realistisch. Doch eines Tages bekommen sie einen Verbündeten in Form eines uralten Drachen. Er ist super sympathisch, aber eben auch tollpatschig und vegan ernähren tut er sich natürlich auch nicht….

Der Roman soll nichts enthüllen und niemanden anklagen, sondern eine Geschichte erzählen, in der sich viele wiedererkennen und an dem Abenteuer teilhaben können. Es wäre mein Wunsch, innerhalb der Gemeinschaft ein bisschen Freude weiterzugeben.


Vielen lieben Dank, Hilal, für das Gespräch, deinen neuen Roman und alles, was du für Tiere tust!

Lesen Sie Hilal Sezgins Roman Feuerfieber und unterstützen Sie ihre wichtige Arbeit für Tiere!