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Tierindustrie dominiert Zugang zur EU-Tierschutzpolitik – zentrale Reformen werden verschleppt

Olivér Várhelyi, EU-Kommissar für Gesundheit und Tierschutz, und Christophe Hansen, EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung, haben über 15 Monate hinweg immer wieder Vertreter*innen der Fleisch‑, Geflügel‑ und Milchindustrie getroffen – und Organisationen, die sich für Tiere einsetzen, fast vollständig ignoriert. Das ist keine Behauptung, sondern dokumentierte Realität. Die Frage ist: Wer bestimmt tatsächlich den Tierschutz in Europa – die gewählten Vertreter*innen oder die Tierhaltungsindustrie?
März 19, 2026 Aktualisiert: 1. April 2026
Huhn im Käfig
Huhn im Käfig

46 Treffen mit der Tierhaltungsindustrie – nur 7 mit Tierschutzorganisationen

Animal Equality hat 708 offiziell registrierte Treffen der Europäischen Kommission ausgewertet. Das Ergebnis ist alarmierend:

  • Mindestens 46 Treffen mit Vertreter*innen der Fleisch‑, Geflügel‑ und Milchindustrie zum Thema Tierschutz
  • Nur 7 Treffen, bei denen Tierschutzorganisationen denselben Zugang hatten
  • 0 Erwähnungen des Wortes „Käfig“ in den offiziellen Meetingtiteln
  • 0 Erwähnungen von „Kükentöten“ in den offiziellen Meetingtiteln

Die Zahlen sprechen für sich: Die beiden EU-Kommissare, die für das Wohl von rund 300 Millionen in Käfigen gehaltenen Tieren verantwortlich sind, haben sich über 15 Monate hinweg fast ausschließlich mit den Profiteur*innen dieses Systems getroffen.

Das Verhältnis ist 7:1 zugunsten der Industrie.

Dass die Worte „Käfig“ oder „Kükentöten“ in keinem einzigen der 708 offiziellen Meetingtitel auftauchen, heißt nicht, dass diese Themen nie mündlich erwähnt wurden. Es macht etwas anderes deutlich: In den offiziellen Tagesordnungspunkten kamen die Tiere schlicht nicht vor. Ihr Leid wurde ignoriert, und das ist höchst beunruhigend.

Meetingtitel sind kein Zufall. Sie spiegeln politische Prioritäten wider – und zeigen, wessen Interessen wirklich zählen.

Der Fall Foie gras: Von Lobbytreffen zur Verordnung

Die Analyse zeigt, dass sowohl Olivér Várhelyi als auch Christophe Hansen Treffen mit Vertreter*innen der Foie gras-Industrie abhielten, um über „Tierschutz und Tiergesundheit“ zu sprechen – während keine einzige Tierschutzorganisation im gleichen Zeitraum ein Treffen mit ihnen verzeichnete.

Der Branchenverband Euro Foie Gras hat laut der Website Lobbyfacts.eu im Jahr 2025 zwischen 100.000 und 199.999 Euro in professionelle Lobbyist*innen investiert. Unterstützt von der Lobbying-Agentur Aliénor, sicherten sie sich direkten Zugang zu Entscheidungsträger*innen der EU.

Laut dem Register für Transparenz der EU:

  • Am 13. Februar 2025 traf sich der zuständige Kommissar für Tierwohl mit Euro Foie Gras, dem Verband der größten Foie gras-produzierenden Länder Europas. Thema laut Erklärung: „Animal welfare and health“.
  • Am 18. Juni 2025 traf auch das Büro von Christophe Hansen Euro Foie Gras – erneut mit dem angegebenen Thema „Animal welfare and health“.

Nur wenige Monate nach den Treffen, im Oktober 2025, verabschiedete die Europäische Kommission einen delegierten Rechtsakt zu Vermarktungsanforderungen für Geflügelprodukte. Diese Verordnung schaffte es nicht, die extremen Lebergewichte zu verbieten, die nur durch gewaltsames Zwangsfüttern erreicht werden.

Die Botschaft ist deutlich: Die Kommission hört zu – aber nur denen, die von dem ausbeuterischen System profitieren.

40 EU-Abgeordnete fordern Ende der Stopfleber-Produktion

Am 27. März 2026 unterzeichneten 40 Mitglieder des Europäischen Parlaments aus 15 EU-Ländern einen Brief an die Kommissare Olivér Várhelyi (Gesundheit und Tierschutz) und Christophe Hansen (Landwirtschaft und Ernährung). Darin fordern sie, die Zwangsmast in der Stopfleber-Produktion schrittweise abzuschaffen und dies explizit in der kommenden Überarbeitung der Tierschutzgesetzgebung zu verankern.

Sie weisen darauf hin, dass die Vermarktungsstandards für Stopfleber aus den Jahren 1991 und 1995 stammen – also bevor Tiere in den EU-Verträgen als empfindungsfähige Lebewesen anerkannt wurden. Die Praxis der Zwangsfütterung wurde mittlerweile sowohl von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als auch vom Wissenschaftlichen Ausschuss für Tiergesundheit und Tierschutz der EU verurteilt.

Unter den Unterzeichnenden des Briefs sind Abgeordnete aus vier der fünf EU-Länder, in denen die Zwangsmast von Enten und Gänsen noch praktiziert wird: Frankreich, Bulgarien, Spanien und Belgien. Nur aus Ungarn – dem Heimatland von Kommissar Várhelyi – fehlt eine Unterschrift. 

Setze auch du dich gegen Stopfleber ein! Mit unserer Petition fordern wir ein endgültiges Verbot der Zwangsmast in der EU sowie ein Importverbot für Stopfleber-Produkte in allen Mitgliedstaaten.

Stellt die EU-Kommission die Interessen der Industrie über den Willen der Bürger*innen?

Bereits 2021 wurde die Europäische Bürgerinitiative „End the Cage Age“ von 1,4 Millionen Menschen in ganz Europa unterstützt. Sie gehört zu den größten demokratischen Beteiligungsaktionen in der Geschichte der EU.

Die Reaktion der Kommission:

  • Sie versprach, bis Ende 2023 einen Gesetzesvorschlag vorzulegen, um Käfige schrittweise abzuschaffen.
  • Diese Frist verstrich kommentarlos – ohne konkreten Gesetzesvorschlag.

Und die Verzögerungen gehen weiter:
Im Arbeitsprogramm 2026 der Kommission finden sich keine verbindlichen Gesetzesinitiativen zum Tierschutz. Stattdessen setzt die Kommission auf unverbindliche Maßnahmen – und lässt die klar formulierten Forderungen der Bürger*innen ungehört.

2025 machten über 190.000 EU-Bürger*innen erneut Druck:
Sie forderten formell ein Käfigverbot. Fast 98 % von ihnen bewerten die systematische Tötung männlicher Eintagsküken als ethisch nicht hinnehmbar.

„Die Europäische Kommission hatte ein Versprechen gegeben. 190.000 Bürger*innen haben sie daran erinnert. Ihre Antwort: Sie traf sich mindestens 46 Mal mit der Industrie, die an Käfigen verdient – und nur 7 Mal mit Organisationen, die die Tiere darin verteidigen. Das ist eine dokumentierte politische Entscheidung. Wir haben offiziell angefragt, was in diesen Treffen besprochen wurde – im Namen der Transparenz und Rechenschaftspflicht, die die Kommission den Bürger*innen schuldet.“

Matteo Cupi, Vizepräsident von Animal Equality Europa

Wir fordern: Schluss mit der Einflussnahme der Tierhaltungsindustrie auf die EU-Politik – her mit einem Käfigverbot und dem Ende der Tötung männlicher Eintagsküken

Millionen Menschen fordern seit Jahren Veränderungen. Doch solange Kommissar*innen vor allem jene treffen, die an der Ausbeutung von Tieren verdienen, drohen die echten Anliegen der Bürger*innen erneut übergangen zu werden.

Wir werden das nicht hinnehmen.
Es ist Zeit, Entscheidungen zu fordern, die wirklich den Willen der Öffentlichkeit widerspiegeln – und die Tiere schützen, statt die Profite der Industrie.

Diese Analyse ist mehr als eine Statistik. Sie zeigt, wer Zugang zu den Menschen hat, die Europas Tierschutzgesetze formen – und wer systematisch ausgeschlossen wird.

Um das Schweigen und die Verzögerung der Kommission bei der Überarbeitung der Tierschutzgesetzgebung anzuprangern, hat Animal Equality die internationale Kampagne „EU-Tierschutzreform – Jetzt!“ gestartet.

Wir organisieren Proteste in Brüssel vor zentralen EU-Institutionen und machen dabei deutlich:

  • Es gibt immer noch kein Verbot von Käfigen.
  • Die systematische Tötung männlicher Eintagsküken geht weiter.
  • Jede Verzögerung bedeutet: weiteres Leid – in gigantischem Ausmaß.

Die Botschaft ist klar:
Verspätungen und Untätigkeit sind keine technischen Verwaltungsfragen. Sie sind politische Entscheidungen – mit realen, grausamen Folgen für fühlende Lebewesen.

Und wir werden sie nicht länger hinnehmen.

Was du tun kannst

Die Millionen Tiere, die in der landwirtschaftlichen Tierhaltungsindustrie leiden, tauchen vielleicht nicht auf den offiziellen Tagesordnungen auf. Aber sie sind nicht unsichtbar – nicht für uns und nicht für dich.

Während Bürger*innen seit Jahren auf Veränderungen warten, verbringen unzählige Tiere ihr Leben in so kleinen Käfigen, dass sie sich kaum umdrehen können. Millionen männlicher Küken werden jeden Tag getötet, nur weil sie keinen Profit bringen.

Aber gemeinsam können wir ihr Schicksal verändern – dauerhaft.

Fordere mit uns echte Tierschutzgesetze ein: Unterzeichne jetzt den Offenen Brief an die Europäische Kommission.

LEBE DEIN MITGEFÜHL

Einer der effektivsten Wege, um das Leben landwirtschaftlich genutzter Tiere nachhaltig zu verbessern, ist der Umstieg auf pflanzliche Alternativen. Besuche Love Veg und starte noch heute mit einer pflanzlichen Ernährungsweise.


Aktuellste Neuigkeiten
9. April 2026

Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) plant die verpflichtende Videoüberwachung in deutschen Schlachthöfen. Ein wichtiger Schritt – doch der Gesetzentwurf geht nicht weit genug: Millionen Tiere würden jährlich weiterhin ohne verpflichtende Aufzeichnungen in kleineren Schlachthöfen getötet. In unserer beim BMLEH eingereichten Stellungnahme fordern wir umfassende Nachbesserungen des Gesetzesentwurfs.
25. März 2026

Zwei Tage intensive Proteste in Brüssel, eine alarmierende Datenanalyse und ein klares Ergebnis: Die Agrarindustrie hat zehnmal mehr Zugang zu dem EU-Tierschutzkommissar als Tierschutzorganisationen. Wer entscheidet in Wahrheit über den Tierschutz in der EU? Die Bürger*innen oder die Industrie, die von der Ausbeutung von Tieren profitiert? Diese entscheidende Frage haben wir mit mehr als hundert Aktivist*innen aus ganz Europa bei unseren Protesten am 23. und 24. März 2026 vor den Türen der EU-Kommission in Brüssel gestellt.
25. März 2026

Die Aufnahmen zeigen Tausende Vögel, eingepfercht in einer einzigen Halle. Die Ermittler*innen von Animal Equality haben die Zustände bei Brasiliens größtem Produzenten von Putenfleisch dokumentiert. Die Vögel leben in ihren eigenen Exkrementen, was bei den Tieren Atembeschwerden, Wunden und Verbrennungen verursacht. Verletzungen wurden nicht tierärztlich versorgt.