Vom Milchbetrieb zum Lebenshof: Toni Kathriner im Interview

Schweizer Käse gilt weltweit als Delikatesse. Bilder von Kühen und Kälbern auf blühenden Alpenwiesen versprechen ein harmonisches Zusammenleben zwischen Mensch und Tier. Milchproduktion in der Schweiz ist Tradition und Teil des kulturellen Erbes: kleine Betriebe, Bergluft, Alpenlandschaft. Eine Idylle?

2010 übernimmt Toni Kathriner gemeinsam mit seiner Frau Yvonne den Milchbauernhof ihrer Eltern im Kanton Zürich. Nach und nach erkennt die Familie, wie sehr auch ihre Tiere in der Nutzung leiden müssen. Vor zwei Jahren beschließen sie, das Elend der Milchindustrie nicht mehr zu unterstützen. Seither ist ihr Milchbetrieb ein Lebenshof. Im Gespräch mit Animal Equality erklärt Toni Kathriner, warum seine Tiere heute einfach Tiere sein dürfen und macht deutlich: “Nutztierhaltung” ohne Tierleid gibt es nicht.

Warum ist die Produktion von Milch immer mit Leid verbunden?

Wo soll ich da anfangen? Na, es ist zum Beispiel so, dass männliche Kälber in der Milchindustrie heute schlicht nichts mehr wert sind. Das männliche Kalb einer Milchkuh setzt aufgrund der fortgeschrittenen Zucht nicht genügend Masse für die Fleischproduktion an. Es ist somit nur Mittel zum Zweck, damit die Kuh Milch gibt. Für die Landwirte lohnt es sich nicht einmal, es zu füttern, geschweige denn, eine tierärztliche Behandlung zu bezahlen. Die Tierverkehrsdatenbank, wo alle Tiere registriert werden müssen, zeigt, dass allein in der kleinen Schweiz jährlich 60.000 Tiere alleine in der Milchindustrie verenden! Ein Viertel davon in der ersten Lebenswoche! Wenn man genauer hinsieht, sind die meisten von ihnen männliche Kälber von Milchkühen. Sie werden zum Teil einfach erschlagen oder müssen verhungern. 

In der Milchwirtschaft werden die Neugeborenen meist in den ersten Stunden von ihren Müttern getrennt. Umso schneller, umso einfacher für den Bauern. Der enorme Trennungsschmerz von Mutter und Kind, der bei den Tieren natürlich genauso ist wie beim Menschen, vergräbt sich so im Innern der Mütter. Man hört sie weniger schreien, und gut ist’s. Die Kälberkrankheiten sind ein großes Problem, und keiner überlegt sich, von wo das kommen könnte. Die Pharmaindustrie muss ja auch von irgendwas leben …

Viele stellen sich so einen Milchbetrieb in der Schweiz bestimmt sehr idyllisch vor … 

Mit Idylle hat es auch hier nichts zu tun. Glückliche Kühe auf Blumenwiesen gemeinsam mit ihren Kälbern –  das ist Marketing! Größere Strukturen nehmen zunehmend Einfluss auf das Ländliche. Selbst wenn die Betriebe kleiner sind: man ist immer Teil der Massenproduktion, immer. Der wirtschaftliche Druck macht den Landwirten zu schaffen. Und der ganze Irrsinn wird noch mehr auf die Spitze getrieben.

Wie kam es dazu, dass ihr die Tierhaltung auf einmal mit anderen Augen gesehen habt?

Die Tiere müssen alles mit sich machen lassen. Der heutige Mensch ist so sehr abgestumpft und so tief programmiert, so weit von Gott entfernt, dass er nicht mehr im Stande ist mitzufühlen, und einfach alles unbedacht glaubt, was ihm aufgetischt wird. Das ist für alle fatal. Er ist sich nicht bewusst, dass er durch sein Verhalten, einfach alles hinzunehmen und mitzumachen, Teil dieses zerstörerischen Systems wird, Teil des weltweiten Leids, das den Tieren zugefügt wird. Ja verantwortlich ist für die Tötungen und Qualen. Wir könnten das alles sehr schnell beenden, jeder Einzelne! Von wegen wir können ja eh nichts ändern. Hier wären noch viele schreckliche Zahlen und Fakten aufzulisten, doch das würde den Rahmen sprengen. Die Trennung von Mutter und Kind ist nur ein Teil vom Ganzen. Auch beim Melken wird getötet. In der Schweiz wird eine Kuh in der Milchindustrie im Durchschnitt gerade mal fünf Jahre alt, usw. Wir müssen wieder mit dem Herzen erkennen, dass die Tiere uns nicht anvertraut worden sind, um sie zu nutzen, zu töten, sie zu essen. Kein Tier dieser Welt ist dafür vorgesehen, keines!

Tiere sind unsere ehrlichsten treusten Freunde, unsere Wegbegleiter, seelischen Geschwister, ja unsere Lehrer!

Eine veränderte Wahrnehmung kann nur im Bewusstsein stattfinden. Es ist ein innerer Prozess. Ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Wenn man sich bestimmten Dingen bewusst wird und den Mut hat, hinzuschauen, verändert das sehr Vieles – in allen Lebensbereichen. Man beginnt mehr mit dem Herzen zu sehen, als mit dem Verstand, beginnt wieder selbstständig zu überlegen. Ein erweitertes Bewusstsein ist Herzöffnung, bedingungslose Liebe.


Wie kann man sich die Umstellung auf eurem Hof konkret vorstellen? 

Zunächst haben wir aufgehört zu melken und sind auf die sogenannte Mutterkuhhaltung umgestiegen, also von der Milch auf die Fleischproduktion. Die Kälber können dann zwar bei ihren Müttern bleiben und die Milch trinken, aber nach zehn Monaten kommen sie weg und werden geschlachtet. Die Kühe stehen dann bereits vor ihrer nächsten Geburt. 

Eine Zeit lang war es ein richtiger Kampf. Ich wusste in mir drin, es ist nicht richtig, was ich tue und trotzdem war es ein wichtiger Teil vom Einkommen und ich hatte keine Lösung parat. Aber dann ist wirklich der Tag gekommen und ich hab zu meiner Frau gesagt: “Es geht nicht mehr.  Egal wie es weitergeht, aber so nicht mehr.” Für uns war wichtig erstmal zu wissen, was wir nicht mehr wollen. Wenn man nur auf die perfekten Lösungen wartet, tut sich vielleicht gar nichts. Manchmal muss man einfach ins kalte Wasser springen, um Platz für Neues zu schaffen.

Mir war klar, dass ich die Tiere nicht mehr weggeben und zum Schlachter schicken möchte. Viel lieber möchte ich sie bei uns behalten, mit ihnen friedlich zusammenleben und mich um sie kümmern. Aber erst habe ich gar nicht daran geglaubt, dass so etwas überhaupt möglich ist, so etwas wie Lebenshöfe oder Gnadenhöfe. Ich habe in der Schweiz nach solchen Höfen geschaut und sogar einige gefunden. Jedoch nicht für Kühe. Wir konnten dem gemeinnützigen Verein vom Hof Narr, ein Lebenshof in unserer Nähe, beitreten. Durch die absolute Bereitschaft zu unserer Entscheidung zu stehen und unsere Sicht hinauszutragen, durch die Erfahrung und das bestehende Netzwerk der „Hofnarren“, konnten wir gemeinsam in kurzer Zeit Patenschaften für die Tiere aufbauen. „Früher haben wir vom Tod gelebt, heute verkaufen wir das Leben.“ – So sichern wir den Lebensunterhalt der Tiere. 

Eure Familie ist auch auf eine rein pflanzliche Ernährung umgestiegen?

Ja, die Ernährungsumstellung war auch ein Teil unserer Veränderung, und hat dazu beigetragen, unseren Hof zum Lebenshof zu machen. Und wie gesagt: Jedes Mal, wenn ich einkaufen gehe und ein tierisches Produkt kaufe, sage ich: “Ja, ich bin einverstanden mit der Ausbeutung der Tiere.” Und dann bin ich Teil davon. Der Metzger oder Bauer ist nicht schlimmer, als derjenige, der es kauft. Jeder trägt seinen Teil dazu bei und wenn man das nicht will, muss man sich davon distanzieren.

Wenn Leute zu uns kommen, sage ich ihnen das auch. Mein Ziel ist, dass sie danach nach Hause gehen und selber nachschauen, wieder selber zu überlegen beginnen, wieder mehr auf ihr Herz hören. Heute wird viel zu wenig hinterfragt. Eine Industrie, eine Maschinerie, die Medien, die Pharmaindustrie, Politik, und und und… wollen einem so Vieles weismachen das nicht stimmt, es ist völlig verdreht! 

Der Mensch zum Beispiel, ist von Natur aus überwiegend Pflanzenesser, es ist also nicht sonderbar wenn man vegan lebt, sondern, wenn man das nicht macht. Das ist einfach ein Beispiel, das zeigt, wie verdreht die heutige Welt ist, wie weit der Mensch vom natürlichen Zustand weg ist. Wir werden viel um Lebensplätze für Kälber und Kühe, auch für andere Tiere angefragt. Wenn wir Platz haben, nehmen wir Tiere auf, von Herzen gerne. Tiere zu retten ist schön. Doch Tiere zu retten alleine ändert nicht viel, wenn gleichzeitig diese irrsinnige Reproduktion und Abschlachtung weitergeht. Häufig wollen Leute ein Kälbchen retten, und trinken selber Milch, oder nehmen andere tierische Produkte wie Fleisch, Eier, Milchprodukt zu sich. Ihnen sage ich dann: Wenn du wirklich den Tieren helfen willst, dann werde vegan.” Wenn sich alle pflanzlich ernähren würden, wäre das Tierleid schnell beendet.

Kuhmilch ist zudem für die Gesundheit des Menschen extrem schädlich. Sie ist perfekt für ein Kalb, von der Natur aus so gemacht. Es muss schnell stehen und mit der Herde mitgehen können. Bei uns Menschen verursacht die Kuhmilch Entzündungen und Allergien. Und macht uns sogar süchtig. Ebenso Fleisch und die anderen tierischen Produkte.

Wie haben andere Landwirt*innen auf eure Umstellung reagiert?

Ich glaube es geht vielen Bauern ähnlich wie uns, sie sind nicht glücklich mit dem, was sie tun, aber es ist viel einfacher, mit dem Finger auf mich und meine Familie zu zeigen und uns zu verspotten, als sein eigenes Leben zu hinterfragen.

Gesellschaftliche Akzeptanz ist ein Problem, das viele davon abhält, etwas zu verändern. Schon allein, wenn man sich anders ernährt und zum Beispiel kein Fleisch mehr zu sich nehmen will.  Wenn man etwas bewegen will, muss man manchmal etwas aushalten in unserer Gesellschaft. Diesen Mut haben viele nicht. Wir sind auch ins Abseits geraten und es ist nicht immer lustig, den Hass der anderen zu spüren. Doch wenn man sich sicher sein kann, dass es richtig ist, was man tut, gewinnt man eine ganz neue Kraft. Es ist schwer, das in Worte zu fassen.

So könnt ihr mit eurer Geschichte anderen Mut machen.

Das ist auch ein Grund, weshalb wir unseren Wandel an die Öffentlichkeit tragen. Wir wollen darüber informieren und anderen zeigen: uns ging es genauso und wir haben es geschafft, uns zu befreien. Ich war ja in derselben Situation und wenn ich jemandem weiterhelfen kann oder jemanden inspirieren kann, dem es auch so geht, dann freut mich das sehr. Wir möchten mit unserem Weg voran gehen, so wie auch wir solche haben, denen wir folgen dürfen.

Solche Lebenshöfe wie wir sie heute haben, werden wir in weiterer Zukunft vielleicht nicht mehr brauchen. Aber heute sind sie wichtig, um wenigstens einigen Tieren Schutz bieten zu können.

Begegnungen von Menschen, die zu uns auf den Hof kommen, mit den Tieren bei uns, bewegen häufig viel in den Menschen drin. Lebenshöfe helfen aus vielerlei Sicht stark mit, eine Veränderung in der Welt sichtbar zu machen.

Wie konnte das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren so aus der Bahn geraten?

Das liegt an einer langen tiefen Programmierung, die mit Natürlichkeit nichts mehr zu tun hat. Sie findet in allen Lebensbereichen statt – und gelernte Verhaltensweisen und Denkmuster zu hinterfragen ist schwierig. Und dann ist immer die Frage, was als normal angesehen wird und was nicht. 

Vielen Menschen denken ja, wir brauchen Fleisch zum Leben. Rinder, die bei uns verzehrt werden, sind in manchen Ländern der Erde heilig und woanders werden Hunde und Katzen gegessen. Verschiedene Haustiere werden geliebt, während andere im Kochtopf landen. Es ist eine komische Bewusstseinsspaltung. Schon in der Schule lernen wir, dass es “Nutztiere” gibt, dabei gibt es sie nicht. Es gibt nur Tiere, die ausgenutzt werden. 

Es scheint manchmal einfacher, die Wahrheit gar nicht zu kennen und lieber zu verdrängen. Aber wenn alle Lebewesen ein besseres Leben haben sollen, ist hinschauen unabdingbar, auch wenn es äußert unangenehm ist. Die viel gelobte Toleranz, die Toleranz allem gegenüber hat uns auch dahin gebracht wo wir heute sind. In der Schweiz werden Traditionen sehr hochgehalten. Doch heute sehe ich, dass sie ein riesiges Gefängnis sein können. Sie halten dich in alten häufig niederen Energien zurück, verhindern (bewusst?) etwas zu verändern.

Ich höre oft: “Was willst du denn alleine? Alleine kannst du nichts ändern!” Und ich sage: doch, genauso! Ja sogar nur so macht es Sinn, wir sollen uns ja mit unserem eigenen Willen entscheiden, für das Gute oder für das Böse, und zwar ganz bewusst. (Für mich eine zentrale Aufgabe, warum wir überhaupt auf der Erde sind!) Heute geschieht es einfach meist unbewusst, entschieden hat man sich aber trotzdem. Jeder beginnt bei sich. Jede scheinbar noch so kleine Entscheidung wirkt in die Welt hinaus, auf beide Seiten. Der Mensch muss sich seiner wahren Macht wieder bewusst werden. Wir sind niemandem hilflos ausgeliefert, wir können verändern, wenn wir wirklich wollen. Davon bin ich überzeugt. 

Die Verbindung zwischen dem Produkt und dem Leben dahinter ist für viele Menschen gar nicht mehr nachvollziehbar.

Absolut. Selbst als Bauer kann man den Tod relativ einfach verdrängen: Man verlädt die Tiere einfach und sie kommen nicht mehr zurück. Den direkten Kontakt mit den Tieren haben ja noch die wenigsten, selbst die Bauern immer weniger. Roboter-Maschinen melken die Tiere. Die meisten Leute, die heute im Supermarkt Fleisch oder andere tierische Produkte kaufen, wissen nicht, was das eigentlich bedeutet, was dahinter steckt. Kinder essen Chicken Nuggets und haben keine Ahnung, dass da ein totes Tier drin ist. 

Wie hat sich euer Leben seit der Umstellung verändert?

Die tägliche Arbeiten, die Versorgung der Tiere, ist im Großen und Ganzen gleich geblieben. Trotzdem hat sich natürlich einiges verändert, weil wir uns immer weiter verändern. Und die Tiere auch. Unsere Beziehung zu ihnen wird immer tiefer. Es ist interessant zu sehen, wie auch bei den Tieren durch die Umstellung Heilungsprozesse in Gang kamen. Denn sie sind durch die Nutzung, selbst wenn sie nicht geschlachtet werden, schlichtweg traumatisiert. Das hat sich natürlich völlig verändert. 

Durch unser „nach Außen gehen“ ist viel Neues, und viel zusätzliche Arbeit auf uns zugekommen, wie Interviews geben, beratende Gespräche führen, Fragen beantworten etc. Wir bieten z.B. auch Besuchstage bei uns auf dem Hof zuKUHnft in Wald im Kanton Zürich an, wo immer wieder wunderbare Begegnungen mit Tier und Mensch entstehen.

Was möchtest du den Menschen zum Umgang mit den Tieren mit auf den Weg geben?

Wir werden oft gefragt: “Ja, was produziert ihr denn jetzt?” Das ist auch so eine Programmierung: Es muss immer etwas geschaffen, ausgegraben oder produziert werden. Doch die Tiere haben eine Berechtigung, sie erfüllen ihre Aufgabe, alleine durch ihr Dasein.

Die Ausbeutung der Tiere ist das größte Problem, das sich der Mensch geschaffen hat. Solange nur ein Tier irgendwo auf der Welt gequält getötet, gejagt, gegessen wird, wird auch der Mensch nicht in Frieden leben können. Unsere Schicksale sind untrennbar miteinander verbunden. 

Die Tiere sind unsere Brüder und Schwestern, so gesehen, ist Tiere zu essen eine Vorstufe von Kannibalismus. Manch einer denkt nun vielleicht der übertreibt aber, und doch entspricht es der Wahrheit. Ich weiß: Das Zusammenleben von Menschen und Tieren hat einen tiefen Sinn. Wir sollen für sie Sorgen sie lieben, von ihnen lernen. Eigentlich geht es ja nur um die Liebe schlussendlich. Die Liebe ist die einzige Wahrheit. Wenn alles weg ist, bleibt nur die Liebe.

Vielen lieben Dank, Toni, für das Teilen deiner persönlichen Geschichte und euer wichtiges und wertvolles Engagement für die Tiere! Wir wünschen dir, deiner Familie und den Tieren auf eurem Lebenshof eine wunderbare Zuku(h)nft! 🙂