Karnismus – eine fatale Ideologie

2013 ging ein Ruck durch die Medien. Ein erneuter Lebensmittelskandal dominierte wochenlang die Nachrichten auf allen Sendern. Der Vorfall: Pferdefleisch in als Rindfleisch-enthaltend deklarierten Lebensmitteln. Millionen von Verbrauchern in Großbritannien, Deutschland und Frankreich reagierten mit Empörung und Ekel. Supermärkte und Einzelhandelsketten entfernten betroffene Produkte aus dem Regal. Manche würden behaupten, es ging bei dem Skandal nicht um den Inhalt an sich, sondern um die falsche Deklarierung von Lasagne und Co. Dass jedoch viele Menschen einen gewissen Ekel beim Gedanken an Pferdefleisch als Nahrungsmittel verspüren,  lässt sich jedoch nicht abstreiten. Verbraucherumfragen zeigten, dass Pferdefleisch in vielen Teilen Europas als Nahrungstabu gilt.

Doch warum ekeln wir uns vor Pferdefleisch im Essen, aber nicht vor dem Fleisch von Kühen und Hühnern? Und wen Pferdfleisch nicht vergrault, der würde hierzulande spätestens bei Hund, Katze und Maus dankend ablehnen. Die Antwort auf diese Frage liegt im Karnismus begründet. Karnismus bezeichnet ein Glaubenssystem, das uns darauf konditioniert, Tiere für die Herstellung von Nahrung, Kleidung und anderer Güter zu benutzen.

Der Begriff wurde von der US-amerikanischen Psychologin Melanie Joy geprägt, die sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Verhältnis zwischen Tier und Mensch sozialwissenschaftlich auseinandersetzt. In ihrem Buch “Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe tragen” erklärt Joy die Zusammenhänge des Systems, in dem die Benutzung von Tieren als normal, natürlich und notwendig betrachtet wird.

Das Gegenstück zu dieser Haltung ist der Vegetarismus oder Veganismus, bei dem keine Tiereprodukte konsumiert werden. Ironischerweise neigen die meisten Leute eher dazu, den Vegetariern und Veganern vorzuwerfen, sich eine "Ersatzreligion" auferlegt zu haben, als sich einzugestehen, dass sie selbst durch ein Glaubenssystem beeinflusst sind. Von dem Glauben nämlich, das Fleischessen normal sei.

Die Definition vom Fleischessen als Glaubenssystem oder gar Ideologie mag vielen sauer aufstoßen. Ist Fleisch zu essen nicht die freie Entscheidung eines Einzelnen fernab von irgendeiner Weltanschauung!? Nein, denn genau wie andere Ideologien wie Pazifismus, Marxismus oder Kapitalismus beruht der Akt des Fleischessens auf einem System, das auf verschiedenen Vorraussetzungen und Überzeugungen basiert. Obwohl bereits bewiesen wurde und auch renommierte Gesundheitsorganisationen die Ansicht vertreten, dass eine vegetarische oder vegane Ernährung ohne Probleme durchführbar ist und sogar gesünder ist, ernährt sich der überwiegende Teil der Bevölkerung noch immer von tierischen Lebensmitteln. Wir entscheiden uns dazu bzw. werden so erzogen. Entscheidungen, die unabhängig vom Kampf ums Überleben getroffen werden, basieren immer auf Überzeugungen.

Ein besonderer Aspekt des Karnismus ist, dass die als “essbar” definierten Tiere kulturspezifisch sind. Menschen in Europa erscheint es unvorstellbar,  Hunde und Katzen zu essen, wie es in Teilen Cinas geschieht. Schweinefleisch, das beliebteste Fleisch der Deutschen, ist wiederum im Judentum verpönt, im Islam sogar verboten. Jede Kultur wählt aus der Vielzahl von Tierarten nur ein paar wenige aus, die als verzehrbar gelten und schließt gleichzeitig andere aus – diese gelten dann als ungenießbar und werden nicht als Lebensmittel, sondern als Mitgeschöpf oder Haustier wahrgenommen. Dabei folgen wir keinen logischen Argumenten, denn entgegen der landläufigen Meinung sind Schweine nicht dumm und Fische empfinden sehr wohl Schmerzen. Die Kategorisierung in Haustier und Nutztier folgt offensichtlich keinen biologischen Merkmalen der jeweiligen Tiere, sondern unseren Überzeugungen gegenüber einer Tierart.

Wir liebten Knut, den Eisbären, Heidi, das Opossum, und fordern Vergeltung für Cecil, den Löwen. Doch dieselbe Zuneigung verwehren wir den Tieren in der Fleisch-, Milch- und Eierindustrie, die keine Namen tragen – lediglich ein nummeriertes Schild im Ohr. Die Psychologin Melanie Joy bezeichnet diesen Widerspruch als “Fleischparadox”: Die meisten von uns würden sich selbst als tierlieb bezeichnen und Tieren nie absichtlich Schaden zufügen. Doch durch unsere Essgewohnheiten tun wir genau das, und handeln somit unseren Grundwerten wie Mitgefühl und Gerechtigkeit zuwider. Tierprodukte sind immer mit Gewalt und Leid verbunden.

Je länger man über die Norm des Tiereessens nachdenkt, desto absurder scheint dieses Konzept. Sind wir denn alle von Grundauf böse? Nein, würde Joy sagen, denn wir handeln nicht bewusst. Zunächst mal werden wir in ein karnistisches System hineingeboren. Der Staat, die Schulen, die Öffentlichkeit und Gesetze spiegeln die verinnerlichte Haltung gegenüber Tieren, die als essbar gelten, wider. Von Generation zu Generation wird diese Haltung weitergereicht, weshalb es uns so normal vorkommt. In den Schulen und Lehrinstitutionen lernen wir dann, dass schon unsere Urahnen Fleisch gegessen haben, sodass es uns natürlich vorkommt. Schließlich empfehlen staatlich geförderte Vereinigungen und auch Ärzte den Verzehr von Fleisch, so dass es uns notwendig erscheint.

Die Unsichtbarkeit der Massentierhaltung tut ihr Übriges. Über 14.000.000 Tiere werden pro Woche in Deutschland geschlachtet, in einem Jahr sind es 750.000.000. Doch diese Tiere bekommen wir fast niemals zu Gesicht. Sie verbringen ihr Leben in riesigen fensterlosen Mastbetrieben – einen Einblick in die Haltungsbedingungen erhalten wir nur durch Reportagen im Fernsehen oder wenn ein Tiertransport neben uns auf der Autobahn hält.

Genau wie wir uns der Ideologie nicht bewusst sind, sind wir uns ihrer Opfer nicht bewusst. Nur zu gerne glauben wir die Marketingstrategien der Tierindustrie, sei es ein glücklich aussehendes Huhn im Gras auf einer Packung Eier aus Bodenhaltung oder das lächelnde Gesicht der Bärchenwurst. Das beide Beispiele angesichts ihrer Absurdität keinen öffentlichen Aufschrei der Empörung hervorrufen, zeigt, dass wir unterbewusst ein Zwei-Klassen-System für Tiere verinnerlicht haben. Die Grausamkeit gegenüber Schweinen, Rindern und Hühnern möchten wir nicht sehen, während Pferdefleisch im Essen wochenlange Medienberichte zufolge hat.

Das macht Karnismus so gefährlich. Es ist kein opferloses Wertesystem, sondern eines, das diskriminiert und tötet. Und nicht nur die Tiere sind Opfer des Karnismus, sondern auch wir selbst. Durch den Konsum von tierischen Produkten schaden wir unserer körperlichen und mentalen Gesundheit. Wir leben in einem ständigem Konflikt mit uns selbst, da wir keine rationale Erklärung dafür haben, das Schwein zu essen und den Hund zu umsorgen.

Worin könnte die Lösung des Ganzen liegen? Die Psychologin Melanie Joy hat sich nicht zum Ziel gesetzt, Menschen ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Vielmehr möchte sie aufklären über die Auswirkungen eines Systems, dessen sich die meisten von uns nicht einmal bewusst sind. Demzufolge liegt der erste Schritt in der Wahrnehmung von Karnismus. Zu verstehen, dass unsere Ernährung, Kleidung und Kosmetik Opfer fordert. Nur das Bewusstsein darüberkann einen sozialen Wandel hervorrufen. Der erste Schritt, um Karnismus entgegenzuwirken, ist sehr einfach: Sich der Wahrheit bewusst werden.

Video: TEDx Talk von Dr. Melanie Joy mit deutschen Untertiteln

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