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„Wunschliste“ der Agrarlobby: Interne Dokumente zeigen Einfluss auf EU-Politik

Seit fünf Jahren verspricht die EU-Kommission einen schrittweisen Ausstieg aus der Käfighaltung. Ein verbindlicher Zeitplan oder konkrete Gesetzesvorschläge liegen bis heute nicht vor. Und das, obwohl wissenschaftliche Untersuchungen eindeutig belegen, wie leidvoll die Käfighaltung ist, und auch EU-Bürger*innen seit Jahren ein Verbot fordern. Was hält die Politik also vom Handeln ab? Unsere neue Auswertung zeigt jetzt, welche Rolle die Agrarlobby dabei spielt.
16. Juli 2026
Hühner in Käfigen
Foto: Andrew Skowron
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Foto: Andrew Skowron

Bereits im Jahr 2023 soll European Livestock Voice (ELV) – eine Interessengruppe der europäischen Nutztierhaltung – „privilegierte Kanäle“ zu Kommissionsvertreter*innen „auf hoher Ebene“ genutzt haben, um die wirtschaftlichen Interessen der Agrarindustrie durchzusetzen – das berichteten die Investigativjournalist*innen von Lighthouse Reports. European Livestock Voice ist ein Zusammenschluss der mächtigsten Lobbyverbände der Tierhaltungsindustrie. Mit diesem Einfluss soll ELV das von der EU-Kommission versprochene und geplante Verbot der Käfighaltung blockiert haben. 

Nun haben wir durch einen Antrag auf Informationsfreiheit aufgedeckt: Die Agrarlobby wirkte auch nach 2023 intensiv auf die EU-Kommission ein. Wir haben nach unserer Anfrage Einsicht in interne Dokumente erhalten, die den Kontakt zwischen ELV und EU-Landwirtschaftskommissar Hansens Kabinett belegen – sie geben Einblicke in die Inhalte und Themen. Nachdem die Agrarlobby ihre Empfehlungen geäußert hatte, fanden sich diese Monate später in der politischen Agenda der EU-Kommission wieder – während seit Jahren versprochene Tierschutzgesetze weiter auf sich warten lassen.

Nach wie vor leiden rund 300 Millionen Schweine, Hühner, Kaninchen und andere Tiere in der EU in Käfigen, die oftmals kaum größer sind als ihre eigenen Körper. Den Tieren wird jede Möglichkeit genommen, ihre natürlichen Verhaltensweisen auszuleben.

Hühner in Käfigen
Foto: Andrew Skowron

Wir fordern die EU-Kommission auf, die Käfighaltung endlich zu beenden. Setz auch du dich für die Tiere ein: Unterschreibe und teile jetzt unseren Offenen Brief.


„Wunschliste“ der Agrarlobby

Gerade einmal drei Wochen nach Hansens Amtsantritt als EU-Landwirtschaftskommissar im Dezember 2024 schickte die European Livestock Voice einen Brief an das Kabinett des Kommissars. Er wurde unterzeichnet von acht großen Branchenverbänden, darunter AVEC (Geflügelindustrie), Euro Foie Gras (Stopfleber), UECBV (Fleischindustrie) und Fur Europe (Pelzindustrie).

Was die Agrarlobby darin unter anderem empfiehlt:

  • Umfassende sozioökonomische Folgenabschätzungen müssten als „kritischer erster Schritt“ vor jeder neuen Tierschutzgesetzgebung durchgeführt werden – mit Fokus auf die wirtschaftlichen Auswirkungen für die Industrie
  • Lange Übergangsfristen für neue Regelungen
  • Finanzielle Unterstützung für die Branche und mehr Förderung von Tiergenetik und „Effizienz-Technologien“
  • Widerstand gegen Ernährungsempfehlungen, die vom Konsum tierischer Produkte abraten, und Schutz vor Maßnahmen, die die „wirtschaftliche Rentabilität“ der Tierhaltungsindustrie gefährden könnten

Später folgte noch ein Treffen zwischen ELV und Hansens Kabinett.

Die politische Agenda der EU-Kommission

In den Monaten nach dem Brief und dem Treffen veröffentlichte die EU-Kommission zwei zentrale Strategiepapiere: die Vision für Landwirtschaft und Ernährung (Februar 2025) und die Nutztierstrategie – Livestock Strategy – (Juli 2026).

Darin enthalten: wirtschaftliche Folgenabschätzungen als Grundlage für neue Tierschutzgesetze, lange Übergangsfristen und die starke Betonung der „Lebensfähigkeit“ und „Wettbewerbsfähigkeit“ der Tierhaltungsindustrie. Die Nutztierstrategie kündigt zwar „gezielte Revisionen“ der Tierschutzstandards für Legehennen, Masthühner und Schweine an – allerdings „evidenzbasiert und begleitet von angemessenen Übergangsfristen und finanzieller Unterstützung“.

Das seit fünf Jahren versprochene Verbot der Käfighaltung wurde hingegen immer wieder verschoben. Bis heute liegen keine konkreten Gesetzesvorschläge mit verbindlichen Zeitplänen vor.

„Die Dokumente zeigen: Wirtschaftsinteressen haben Vorrang vor Tierschutz. Während die EU-Kommission der Agrarlobby privilegierten Zugang gewährt, leiden 300 Millionen Tiere weiter in Käfigen. Millionen Bürgerinnen und Bürger haben ein Käfigverbot gefordert – doch konkrete Gesetze lassen weiter auf sich warten.“
Vanessa Raith, Direktorin von Animal Equality Deutschland

Prioritäten der EU-Kommission

Unsere Auswertung trägt dazu bei, einen wichtigen Teil des politischen Entscheidungsprozesses zu rekonstruieren: wer direkten Zugang zu den politischen Entscheidungsträger*innen hatte, wann dieser gewährt wurde und welche Stimmen in dieser entscheidenden Phase gehört wurden.

Mehr als 1,4 Millionen EU-Bürger*innen haben die Bürgerinitiative End the Cage Age unterzeichnet. Sie forderten ein Ende der Käfighaltung – bereits 2019. Die EU-Kommission versprach zu handeln.

Doch während Millionen Bürger*innen noch immer auf konkrete Gesetze warten, verschaffte sich die Tierindustrie direkten Zugang zur Kommission – nur 20 Tage nach Hansens Amtsantritt. Sie präsentierte detaillierte wirtschaftliche Prioritäten in einem Moment, in dem die politische Agenda noch geformt wurde. Monate später finden sich diese Anliegen in EU-Strategiepapieren wieder.

Die Frage lautet: Wessen Interessen werden in Brüssel priorisiert – die von Millionen Bürger*innen oder die der Industrie?

Protest in Brüssel

Teil einer umfassenderen Analyse

Wir werten aus, wie Entscheidungen zur EU-Tierschutzgesetzgebung innerhalb der Europäischen Kommission getroffen werden. Zwischen März und April 2026 haben wir mehrere Anträge auf Informationsfreiheit gestellt, um Einblick in die Vorbereitung der versprochenen Tierschutzgesetze und in Kontakte zwischen Kommissionsmitgliedern und Vertreter*innen der Tierindustrie zu erhalten.

Weitere Erkenntnisse aus dieser Recherche werden zeigen, wie transparent – oder intransparent – dieser Prozess wirklich war.

Werde aktiv gegen Käfige

Mit zahlreichen Protestaktionen, einem von EU-Bürger*innen unterzeichneten Offenen Brief und einem von hochkarätigen Expert*innen unterstützten Tierschutzappell haben wir in den vergangenen Monaten unter anderem ein Verbot der Käfighaltung gefordert. Unsere Kampagne „EU-Tierschutzreform – jetzt“ geht weiter, bis die EU-Kommission ein Käfigverbot durchsetzt. Mach mit: Unterschreibe und teile unseren Offenen Brief.

LEBE DEIN MITGEFÜHL

Einer der effektivsten Wege, um das Leben landwirtschaftlich genutzter Tiere nachhaltig zu verbessern, ist der Umstieg auf pflanzliche Alternativen. Besuche Love Veg und starte noch heute mit einer pflanzlichen Ernährungsweise.


Aktuellste Neuigkeiten
9. Juli 2026

Die Aktivist*innen haben sich am Hauptsitz von Sodexo in Paris angekettet und das Unternehmen zum Handeln aufgefordert. Denn Sodexo hatte sein Versprechen gebrochen, die Käfighaltung von sogenannten Legehennen in seinen internationalen Lieferketten zu beenden. Nach fast fünf Stunden beendeten die Tierschützer*innen die Protestaktion, nachdem Sodexo zugesagt hatte, mit Animal Equality in den Dialog zu gehen.
8. Juli 2026

Seit Monaten kämpfen wir gemeinsam für die Tiere in der EU. Jetzt hat die Europäische Kommission die lang erwartete Nutztierstrategie vorgestellt. Darin verpflichtet sich die Kommission, einen Gesetzesvorschlag vorzulegen, der unter anderem den schrittweisen Ausstieg aus der Käfighaltung sowie ein Ende der Tötung männlicher Küken vorsieht. Das ist ein wichtiger Meilenstein, aber wir sind noch nicht am Ziel.
1. Juli 2026

Es ist dringend: Die EU-Kommission veröffentlicht Anfang Juli die „Strategie für Nutztierhaltung“ (Livestock Strategy). Sie wird die Richtung vorgeben, ob der für das vierte Quartal 2026 geplante Legislativvorschlag zum Tierschutz verbindliche Maßnahmen wie ein Käfigverbot enthält. Deswegen sind wir auch im Juni in Brüssel auf die Straße gegangen, um unsere Forderungen für die Tiere unübersehbar zu machen – noch lauter, noch stärker und mit noch mehr Menschen denn je.