Kritischer EU-Entscheid gefährdet Tierschutzarbeit
Strukturelles Ungleichgewicht bei der Behandlung von Interessengruppen im EU-Entscheidungsprozess wird weiter verschärft
Das Europäische Parlament hat beschlossen, die EU-Kommission aufzufordern, die Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) einzustellen, die Lobbyarbeit zum Tierschutz betreiben. Zudem sollen die Anforderungen an die finanzielle Transparenz speziell für diese Organisationen verschärft werden. Für die Agrarlobby selbst gelten diese Regeln nicht. Die Tierschutzorganisation Animal Equality kritisiert scharf, dass Bürger*innen ignoriert und NGOs systematisch ausgeschlossen werden, während die Tierindustrie selbst direkten Zugang zu Entscheidungsträger*innen der EU genießt.
Brüssel/Berlin, 05.05.2026
Das Europäische Parlament fordert die Europäische Kommission auf, künftig ein öffentliches Register zur Finanzierung von NGOs zu führen. Sie äußerten die Besorgnis, dass EU-Mittel von Organisationen verwendet werden, die sich für den Tierschutz einsetzen. Die Kommission wird nachdrücklich angehalten, die Finanzierung von NGOs einzustellen, die „gezielt Lobbyarbeit“ betreiben und ein „irreführendes, militantes und ideologisches Bild“ der Nutztierhaltung in Europa fördern. Zudem sollen die Anforderungen an die finanzielle Transparenz speziell für diese Organisationen verschärft werden. Grundlage dieses umstrittenen EU-Entscheids vom 30. April 2026 ist ein eingereichter Bericht des Europaabgeordneten Carlo Fidanza (ECR). Diese Neuerungen sollen jedoch nicht für alle Akteure im politischen Prozess gelten. Lobbygruppen der Agrarindustrie, die ohne EU-Finanzierung operieren und über deutlich größeren Zugang und mehr Ressourcen verfügen, unterliegen nicht derselben Kontrolle bei der Transparenz.
Agrarindustrie dominiert die Tierschutzpolitik
Die Tierschutzorganisation Animal Equality kritisiert die Entscheidungen des Europäischen Parlaments deutlich. Der Beschluss verschärft das bereits bestehende strukturelle Ungleichgewicht bei der Behandlung von Interessengruppen im EU-Entscheidungsprozess. Laut einer Analyse der Tierschutzorganisation, bei der 708 öffentliche Sitzungsprotokolle im Transparenzregister der Europäischen Kommission ausgewertet wurden, trafen sich die für Tierschutz und damit verbundene Politikbereiche zuständigen Kommissare zwischen Dezember 2024 und März 2026 über 46 Mal mit Vertreter*innen der Fleisch-, Geflügel- und Milchindustrie. Es fanden jedoch nur sieben vergleichbare Treffen mit Tierschutzorganisationen statt.
„Das ist keine ausgewogene Politikgestaltung, wenn Bürger*innen ignoriert und NGOs systematisch ausgeschlossen werden. Die Industrie selbst hingegen erhält direkten Zugang zu EU-Entscheidungsträger*innen, nutzt ungehindert Lobbyisten und hat zahlreiche politische Verbündete. Mit der aktuellen Abstimmung hat das Europäische Parlament dieses Ungleichgewicht nochmals verstärkt – das ist inakzeptabel.“
– Vanessa Raith, Direktorin von Animal Equality Deutschland
EU ignoriert Interessen der Bürger*innen
Der von dem Europaabgeordneten Carlo Fidanza (ECR) verfasste Bericht behauptet, dass die EU die weltweit höchsten Standards erfülle. Die Realität: Die Europäische Kommission wird vor dem Gerichtshof der EU verklagt, weil sie ihren Verpflichtungen zum Käfigverbot nicht nachkommt. Das hatte die Kommission vor bereits vier Jahren versprochen, aber nicht erfüllt.
Hintergrund war die europäische Bürgerinitiative „End the Cage Age“, die mehr als 1,4 Millionen Unterschriften für ein Käfigverbot gesammelt hatte. Erwähnt wurde das von Fidanza nicht. Ebenso wenig wurden die über 190.000 gültigen Stimmen von Bürger*innen bei der öffentlichen Konsultation der Kommission berücksichtigt. Auf 37 Berichtsseiten über die Zukunft der EU-Tierhaltung existierten die Bürger*innen – und das, was ihnen wichtig ist – praktisch nicht. Unterdessen bleiben rund 300 Millionen Tiere in der gesamten EU weiterhin unter schlimmsten Bedingungen in Käfigen eingesperrt.
Nichtregierungsorganisationen erfüllen in einer Demokratie oftmals eine unverzichtbare Rolle – am Beispiel von Animal Equality: Sie agieren frei von politischen und wirtschaftlichen Interessen. Sie setzen sich für den Schutz der Tiere ein, die keine eigene Lobby haben, und sie vertreten mit ihrer Arbeit die Zivilgesellschaft. Die Entscheidung des Europäischen Parlaments, ausgerechnet Tierschutzorganisationen zu defundieren, stärkt die wirtschaftlichen Absichten der milliardenschweren Agrarlobby und eine Zukunft, in der nur noch die gehört werden, die sich Gehör kaufen können.
Mit der Kampagne „EU-Tierschutzreform – Jetzt!“ macht Animal Equality auf die Missstände aufmerksam und fordert mit einem Offenen Brief an die Kommission eine verbindliche Tierschutzreform inklusive Käfigverbot.
Wir stehen Ihnen jederzeit für weitere Informationen und Gespräche zur Verfügung. Wenden Sie sich gerne an unseren Pressekontakt Till Hartmann via E-Mail an [email protected] oder melden Sie sich telefonisch unter +49 (0)176 3004 0892.
Fotos und weitere Informationen:
- Pressekit
- Entschluss zum Bericht: How to secure a sustainable future for the EU livestock sector in light of the need to ensure food security, farmers’ resilience and the challenges posed by animal diseases?
- Transparenzregister der Europäischen Kommission
- Mehr zur Datenanalyse „Tierindustrie dominiert Zugang zur EU-Tierschutzpolitik – zentrale Reformen werden verschleppt“
- Animal Equalitys Kampagne inklusive Offenem Brief: „EU-Tierschutzreform – Jetzt!“
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Über Animal Equality
Animal Equality wurde 2006 von Sharon Núñez, Javier Moreno und Jose Valle in Spanien gegründet und ist heute eine der weltweit effektivsten Tierschutzorganisationen. Gemeinsam mit Gesellschaft, Politik und Unternehmen arbeiten wir in acht Ländern auf vier Kontinenten für eine Welt, in der alle Tiere respektiert und vor Ausbeutung geschützt werden. Zudem unterstützt Animal Equality mit der Plattform Love Veg zahlreiche Menschen bei ihrer Ernährungsumstellung und bietet unter anderem kostenfreie pflanzliche Kochbücher an. Animal Equality setzt sich durch Aufklärungsarbeit, Unternehmenskampagnen und die Veröffentlichung von Undercover-Recherchen dafür ein, die Grausamkeit gegenüber landwirtschaftlich genutzten Tieren zu beenden. Ebenso strebt Animal Equality Fortschritte für Tiere auf rechtlicher Ebene an.
Pressekontakt Animal Equality
Animal Equality Germany e.V.
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